logo

 

 

      D___ E


 

leer
    Gehäkelte Blumen Elisabeth Helbing, Vitrine Schoeller/Polzin
AdBK Jahresausstellung Nürnberg 2006
   


Jagdzaunsprung Alte Hasen

Verortung von zwei benachbarten Institutionen

   

Ein Ort grenzt an einen Ort grenzt an einen Ort grenzt an einen Ort.
Wird überlagert von Orten, ist ein multiples Gebilde, mit Öffnungen,
Grenzen und Verbindungssträngen


Wohnstift am Tiergarten/Bingstraße 61 - Kunstakademie, AdBK Nürnberg/Bingstraße 60 Zeitraum: Juni / Juli 2006
(1) Körperperformanceworkshop mit Studenten und Stiftsbewohnern,
(2) Präsentation der Werkgruppe Bingstrasse 61 und
(3) Szenische Installation zur Jahresausstellung in der AdBK Nürnberg

Was passiert mit zwei nahegelegenen, getrennten Orten, wenn sich deren Grenzen, ein Stück auf die Position des jeweiligen anderen Ortes hin verschieben? Was passiert, wenn sich unterschiedliche Realitäten übereinander legen? Was suchen und finden Nachbarn wenn sich ihre künstlerischen Praxen vermischen? Beide Systeme sind autark. Der Eingriff der Verortung, hat einen neuen Blickwinkel für alle Beteiligten ergeben.
Für uns, Anja Schoeller und Kerstin Polzin, Studentinnen der Kunstakademie Nürnberg (AdbK), Kunst und öffentlicher Raum (KuöR), war der ursprüngliche Impuls der Auswahl der Institution spielerisch, wenn wir als Nachbarschaft kein Altenheim vorgefunden hätten, sondern eine Versicherung, dann hätten wir mit den Versicherungsbeamten und der Versicherungsbehörde eine Verknüpfung hergestellt.
Es ging uns um das Potenzial der kreativen Kräfte. Unsere Aufgabe bestand in dem Sichtbarmachen dessen, was innerhalb der Grenzen einer Institution, der anderen Institution verborgen bleibt.
(1) Begonnen haben wir mit einem Workshop für Körperperformance. Wir bauten in einer gemischten Gruppe von Interessierten, innerhalb einer kurzen Zeit, ein Vertrauensverhältnis auf. Diese Interessierten waren Personen aus beiden Einrichtungen, die mit einer Portion Neugierde in das Projekt einstiegen. Die Neugierde und Offenheit, die wir bei den Wohnstiftlern entdeckten überraschte uns. Ebenso die Kompetenz und das Engagement der Generation, der zwischen Siebzig- und Neunzigjährigen.
Für alle bedeutete es sich auf eine fremde Situation einzustellen und ein unbekanntes Spiel mitzuentwickeln. Ein unbewusstes und von uns in das Projekt mitgeschlepptes Vorurteil, dass geistige und körperliche Flexibilität jungen Menschen vorbehalten sei, wurde damit entlarvt. Offenheit und Flexibilität, sowie das gemeinsame Ausführen von Sensibilisierungsübungen aus dem Schauspieleralltag wurden eine Basis für die besondere Begegnung, die das Projekt letztendlich darstellte. Der Workshop war die Vorbereitung Szenische Installation zur Jahresausstellung.
(2) Die von der Werkgruppe im Wohnstift, für Spendenbasare produzierten Häkel- und Bastelarbeiten werden wie Kunstexponate in den Räumen der Akademie zur Jahresausstellung gezeigt.
Format und Ausführung der Exponate der Gebrauchskunst weisen eine offensichtliche Ähnlichkeit mit den Exponaten der Kunststudenten auf, was die dimensionale Ähnlichkeit der Wirklichkeit von Herstellungsprozessen von Kunstobjekten visualisiert. Durch die Exponierung, der mit Akribie verfertigten Handarbeiten, findet eine besondere Würdigung der künstlerischen Praxis im Altenheim statt.

Der Rahmen, der zu zeigenden Objekte der Kunstakademie, erweitert sich um eine spezielle Toleranz für zu zeigende Objekte außerhalb des eigenen Rahmens. Die Ähnlichkeit der Ansprüche und Definitionen von Qualitätsmaßstäben der Objekte stellt die Eliteposition der Kunstakademie auf räumlich anschauliche Weise zur Diskussion-Wie viel hat Kunst mit Handwerk zu tun? Diese Frage haben wir durch diese Verortung aufgetan. Inwiefern geht es für ein Kunstwerk um eine bestimmte Fertigkeit. Die Ähnlichkeit der genannten Aspekte thematisierte eine immaterielle Differenz unserer Exponate, inbezug zur Jahresausstellung. Ab dem Moment, als wir beabsichtigten die Werkgruppe im Professorenbüro des Pavillons auszustellen (wir danken Georg Winter) entstand ein inhaltlicher Kontrast der Objekte durch die Infragestellung einer Definition von Kunst.
Der Moment der Ausstellung der Werkgruppe innerhalb der Akademieausstellung war eine relevante Konstellation, um unsere identifikatorischen Forschungsfragen innerhalb des Jagdzaunsprungprojektes installativ zu thematisieren. Wie in der Malerei, die Wahl der Materialien den Impuls der Handlungen des Malens bestimmt, ist durch die Wahl der Orte, situativ, die Möglichkeit der Affekte für die Handlungen, innerhalb des Projektes gegeben. Kein sozialer Aspekt diktierte unsere Entscheidungen. Ein sozialer Aspekt floss durch die Kraft der Begegnungen während der Zusammenarbeit ein. Jeder Teilnehmer, war der eigene Initiator und Umsetzer seiner Absichten.
(3) Der Workshop für Körperperformance mündete in ein Rollenspiel.
Gefundene Rollen:

Puck - verzaubern und necken (Margarete Sprunk 86 Jahre)
Zisch - Klarinette, Töne sehen und verwandeln (Julia Wiedemann 24 Jahre)
Georg - Flaneur, der Lügengeschichten (Georg Martens, 75 Jahre)
Geistige Zwillinge - Lesungen nach dem Zufallsprinzip der Zeile, die sich anbietet, wenn man ein Buch öffnet (Elisabeth Eisen 84 Jahre und Kerstin Polzin 34 Jahre)
Putzfrau - kreative Hauswärterin und Kennerin der Mechanismen in einer Kunstakademie
(Anja Schoeller 36 Jahre)
ein Schatten - Verkörperung eines abstrakten Blickwinkels, der durch das Zusammentreffen der Dinge und Menschen entsteht (Jini Yu 26 Jahe)
die Tänzerin - Erleben einer verlorenen Möglichkeit (Annemarie 80 Jahre)

   

Zur Eröffnung der Jahresausstellung bewegten sich die Teilnehmer des Workshops auf
dem Freigelände der Akademie in den von ihnen selbst bestimmten Rollen. Es kam zu
Interaktionen mit den Gästen, Studenten und der Lehrkörperschaft. Die szenische Installation bestand aus den einzelnen Walk Acts der Teilnehmer in der Menge.
Die Tanzgruppe aus dem Wohnstift, freute sich sehr zu dem Akademieereignis von uns
eingeladen worden zu sein. Voller Begeisterung führten sie einzelne Kreistänze vor und
luden daraufhin dazu ein. das Angebot zum Mittanzen wurde unterschiedlich wahrgenommen. Es gab Studenten die, die Flucht ergriffen und andere machten einfach mit.

Formen der Verortung
Wir verbanden die örtliche, situative Ebene aus dem Wohnstift mit der örtlichen, situativen Ebene der Akademie. Unser Interesse daran, dass zu tun, entsprang der örtlichen Situation selbst.
(1) der Workshop wurde in beiden Institutionen abgehalten, der Aula, der Ausstellungshalle und der Freifläche der Akademie sowie im Wohnstift im Vorsaal der Veranstaltungshalle. Die gemischte Gruppe war zu dieser Zeit ständig in beiden Einrichtungen visuell präsent. Verortet haben sich durch die intensive Zusammenarbeit vor allem Denkweisen über die Findung einer Zusammenarbeit. Das brachte für alle Teilnehmer neue Möglichkeiten für das Zusammenarbeiten in Gruppen, wenn die Einzelnen Mitglieder ein sehr unterschiedliches Profil haben.
(2) Die Ausstellungsexponate wurden von Inge Siebenhüner der Leiterin der Werkgruppe bereitgestellt und von Anja Schoeller zusammen mit Inge Siebenhüner aufgebaut. Bei der Inszenierung der Exponate, war es für Anja und mich ein Anliegen, dass die einzelnen Objekte in ihrer Hängung als Kunstobjekte präsentiert wurden. Die Exponate wurden ins Verhältnis zu ihrer Gesamtkonstellation, sowie den Raumbedingungen gebracht und gezeigt. Die Objekte erschienen nun weniger für den Gebrauch vorgesehen. Weiterhin war es wesentlich, dass die Einzelobjekte während der Ausstellung nicht käuflich waren. Es war möglich die Gesamtkonstellation der Objekte, mit einen auf dem Kunstmarkt relevanten Wert zu kaufen. Die Herstellerinnen der Häkeleien, Post- und Geschenkkarten der Strickschals und des Tischschmuckes wurden in der Nähe, der von ihnen gefertigten Dinge namentlich ausgewiesen. Die im Wohnstift gefertigten Stücke wurden in der Präsentationsform der Jahresausstellung der Akademie zusammengestellt. Die Verortung war aus der Perspektive des Wohnstiftes dinglich und inhaltlich formell aus der Perspektive der Akademie betrachtet.
(3) Die Szenische Installation war eine eigene Form, die aus der Zusammenarbeit entstand. Sie war für das Ereignis der Eröffnung der Jahresausstellung geplant. Eine vollständige Verortung hätte stattgefunden wenn die Walk Acts auch auf dem Territorium des Wohnstiftes unterwegs gewesen wären. Interessant war, dass die Wohnstiftsbewohner aus der Gruppe dazu nicht bereit gewesen waren, sie wollten diese von ihnen gefundene Form der Darstellung nicht im Wohnstift zeigen. In unserer Zusammenarbeit kam es zu einer enormen Öffnung und Erweiterung der darstellerischen Möglichkeiten aller Beteiligten, dass beschränkte sich für die Wohnstiftsbewohner aber auf den Bereich der Akademie.

Im allgemeinen Amüsement des Abends bildete die Tanzgruppe in der Kunstakademie einen exotischen Fremdkörper, auf deren Tanzangebot sich spontan einige Besucher und Studenten einließen.

    leer
   

Tanzgruppe aus dem Wohnstift zur Vernissage Jahresausstellung AdBK Nürnberg 2006